EXTRA: W4-Autobahn

28.02.2020: Podiumsdiskussion in WT

Großes Interesse am Thema Waldviertelautobahn wurde bei der Podiumsdiskussion im Stadtsaal Waidhofen an der Thaya am 28.02.2020 bekundet. Bei vollem Haus wurde die Europaspange aus Sicht der Anhänger angepriesen und seitens der Gegner in Frage gestellt. Die unerwartet sachliche Diskussion warf zahlreiche Aspekte auf, ließ aber die Antworten auf zwei wesentliche Fragen an die Befürworter offen.
Wer fordert die Autobahn?
Wer braucht die Autobahn?

Autobahn für unbekannt...


Die beiden zentralen Fragen sollte man bei einem Milliardenprojekt ohne zögern beantworten können.
Laut Aussage des WKO Vertreters, KR. Ing. Reinhard Blumberger, wird die Autobahn von der Wirtschaft gefordert. Von wem genau, ließ er jedoch unbeantwortet.
Ausstehende Antworten lassen immer Raum für Theorien und Spekulationen, aber dazu später.

Konkreter äußerte sich hierzu schon der im Publikum sitzende Ing. Volker Fuchs, CEO der Fa. Test-Fuchs. Autonomes Fahren (selbstständiges Fahren ohne menschlichen Eingriff) werde in Zukunft die Mobilität wesentlich beeinflussen. (Anmerkung: Autobahnen eignen sich für autonomes Fahren besonders, da die Umsetzung hier wesentlich leichter, wirtschaftlicher und zuverlässiger erfolgen kann, als es für einen Güterweg möglich wäre.)
Ob eine Waldviertelautobahn diesbezüglich einen maßgeblichen Beitrag leisten oder Nutzen bringen kann, bezweifeln wir. Aus Sicht des Unternehmens ist die Haltung jedoch verständlich. Sollten Entwicklungen der Firma in diesem Bereich getätigt werden, so wäre eine Teststrecke vor der Haustüre natürlich praktisch.

Johannes Gutmann von der Fa. Sonnentor: Wer braucht die Autobahn?
Sein Unternehmen, welches mit biologischen Tees, Kräutern usw. weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, sicher nicht, stellte er klar. Der Warentransport erfordert sie nicht und der biologische Anbau verträgt sich nicht mit ihr.

Pro und Contra Autobahn an diesem Abend

Contra

Klimaneutralität bis 2040
Bodenverbrauch
Umweltbelastung durch Betrieb (Streusalz, Feinstaub, CO2,…)
Klimanotstand (höchste CO2 Zuwachsraten im Verkehr)
Verkehr wird angezogen und nicht verringert
Kostenwahrheit beim Bau (Angebot und Abrechnung)

Pattstellung

- (noch) billiger Transportweg auf Kosten schlecht bezahlter LKW Fahrer und der Umwelt
- Wie genau Nachhaltigkeit im Verkehr aussieht spaltet selbst das Publikum. Wasserstoff scheint ein Reizthema zu sein. (Anmerkung: Die negativen Aspekte der akkugespeisten Elektromobilität erkennen die Wenigsten.)
-
Die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze konnte nicht bestätigt werden. Tendenziell führen Autobahnen eher zu Abwanderung, so die Expertenmeinung des TU Entsandten und laut Publikumsbeitrag ungewünschten Entwicklungen der regionalen Wirtschaft.
- Ein wesentliches Diskussionsthema, nämlich die Priorität einer Autobahn als vorrangige Maßnahme zur Förderung des Waldviertels, wurde wie erwartet völlig konträr gesehen. Man beteuerte seitens des Landes, dass man alle Verkehrsmittel in die Studie einbezieht.
Verlassen die mit der Studie betrauten Personen auch ihr Büro um sich vor Ort ein Bild zu machen? Begleiten sie Waldviertler auf ihren täglichen Wegen in die Arbeit, zum Einkaufen und in der Freizeit? Wie oft waren sie schon im Waldviertel?
Wie viele Waldviertler profitieren konkret von der Autobahn und wie?
Das würde uns interessieren.

Einigkeit

auch das gab es an diesem Abend, wenn es darum ging regionale Produkte und Lebensmittel zu kaufen und Arbeitsplätze in der Region zu schaffen.
Ebenso wurde der Ausbau der Franz-Josefs-Bahn von nahezu allen Seiten begrüßt bzw. zumindest nicht abgelehnt. (Bis Ende der 50er Jahre war die Bahnstrecke noch durchgehend zweigleisig.)
Dass das Zusammenspiel von Schiene und Straße gegeben sein muss, betonte Mag. Helmut Hofer-Gruber von den Neos.
Der Breitbandausbau stand außer Diskussion und war schnell abgehandelt. Die Datenautobahn bekam von allen Seiten grünes Licht, wenn auch die Beweggründe vermutlich unterschiedliche waren.
Ideen wie Sammeltaxis, ein funktionierender Individualverkehr sowie der Bahnausbau sind notwendig. Aus Sicht von NR Ing. Martin Litschauer von den Grünen müssen Lösungen schnell gefunden werden und sie müssen vor allem funktionieren.

Die Diskussionspunkte und Beiträge abseits der Autobahn zeigen, dass es hier um mehr als ein Transitprojekt geht, nämlich um das Waldviertel. Dieses Zugeständnis machten alle Teilnehmer der Diskussionsrunde auf Grund ihrer Aussagen.

Die noch offene Theorie

zu den Beweggründen der Europaspange
Die vom Land geforderte Autobahn kann vom Land praktisch nicht finanziert werden. Das Geld muss daher aus einer anderen Quelle kommen. Die Asfinag, eine Gesellschaft des Bundes, wurde genannt.
Dass diese bzw. damit der Staat Österrreich Interesse an der Autobahn haben könnte ist naheliegend. Hier bietet sich die Möglichkeit zur Umsatz- und Einnahmensteigerung.
Das Periodenergebnis der Asfinag lag im Jahr 2018 bei gut 824 Mio. Euro. Die Mauterlöse wurden dabei um ca. 125 Mio. Euro gesteigert.
Die Entscheidung, auf Grundlage der strategischen Prüfung, trifft das Bundesministerium.
Das Waldviertel möglicherweise als staatliche Einnahmequelle unter dem Vorwand der strukturellen Stärkung?
Das wäre ein Skandal und stellt natürlich auch die Objektivität der strategischen Prüfung Verkehr in ein dunkles Licht, wie auch geäußert und LA Jürgen Maier mit auf den Weg nach St. Pölten gegeben wurde. Seine Aussage: „Vertrauen Sie der Politik“ ließ die Gemüter hochkochen wie keine andere Wortmeldung an diesem Abend. Ohne konkrete Antworten bleibt der Spielraum für Spekulationen offen.
Die 0,5 Mio. Euro teure strategische Prüfung soll 2021 beendet sein. Informationen dazu folgen so rasch als möglich.

Die Erkenntnisse bzw. Rückschlüsse einer Wochenzeitung, dass hochrangige Straßen zu deutlichem Wachstum der Bevölkerung führen, können wir nicht nachvollziehen. Die Nähe zu Wien ist hier vermutlich der größte Wachstumstreiber für die angeführten Bezirke. So erfreut sich z.B. Braunau am Inn auch ohne Autobahn einer steigenden Bevölkerung.
Südlich von Wien bis in das Burgenland ist zu beobachten, dass die Stadtflucht zu Zuzug führt und zum Arbeiten vermehrt nach Wien gependelt wird. Ob das der Sinn einer nachhaltigen "Besiedelung" ist?

Initiator der Veranstaltung

Die Podiumsdiskussion wurde von der „Plattform lebenswertes Waldviertel“ veranstaltet. Ziel der Plattform ist die Schaffung bzw. der Erhalt einer lebenswerten Region mit Bedacht auf Erhalt der Landschaft. Darüber hinaus werden umweltverträgliche Entwicklungen, Betriebsansiedelungen und der Glasfaserausbau sowie der Ausbau der E49 (Horner Straße) unterstützt.
(auf der E49 gilt lt. Website noe.gv.at zum Zeitpunkt der Diskussion nach wie vor ein LKW-Durchfahrverbot)

Autonomes Fahren

ist ein spannendes Thema an sich, aber im Verkehr der nahen Zukunft, besonders im ländlichen Raum, wird es nicht flächendeckend der Fall sein.
Der Auto- und LKW-Verkehr ist natürlich eine große Herausforderung zur Implementierung dieser Systeme, aber man stürzt sich hier auf den Bereich, den es nachhaltig gesehen nicht auszubauen sondern einzudämmen bzw. zu verringern gilt. Autonomer Auto- und Transitverkehr verringert nicht das Verkehrsaufkommen und löst auch keine Umweltprobleme. Die Hebelwirkung ist einfach sehr gering. Technische Entwicklungen führen erst dann zu einem wirksamen und nachhaltigen Fortschritt, wenn sie in einem dafür geeigneten Umfeld eingesetzt werden.
Passend dazu auch das abschließende Statement von DI Dr. Frey, sich von der Fixierung auf das Auto zu lösen und Nachhaltigkeit anzustreben.
Ein frommer Wunsch, dessen direkte Umsetzung aus unserer Sicht nicht machbar ist und besonders im Waldviertel auf steinigen Boden trifft. Mangelnde Alternativen sind natürlich mit ein Grund dafür.
Das liebste Spielzeug wird der Österreicher nur dann auf seine Prioritätenliste nach hinten reihen, wenn er das Thema Nachhaltigkeit verinnerlicht hat und das lernt er nicht am Beispiel Auto.
Besonders im ländlichen Raum wird dessen Nutzung auch in naher Zukunft oft alternativlos sein.

Abschließende Worte zur Diskussion

Einen Denkansatz von Fritz Gurgiser, vom Transitforum Österreich, möchten wir euch abschließend mit auf den Weg geben: Mobilität ist ein Grundbedürfnis, aber nicht an erster Stelle.

Bei aller Liebe zum Auto- und Motorradfahren, wenn unser Lebensraum einmal Defekt ist, dann kommt kein Autofahrerclub und löscht den Fehlerspeicher. Bewahren wir Ihn, damit auch die nächsten Generationen noch die Vorzüge des Waldviertels erfahren können, mit welchem Gefährt auch immer.

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